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Gerold Scholz

Infotamement

im Mai 2026

Am 10. Mai gab Putin auf einer Pressekonferenz eine Erklärung ab. Diese Antwort wurde fast durchgehend in allen großen deutschen Medien unter der folgenden Überschrift verhandelt: "Putin bringt Schröder als Vermittler ins Gespräch" – so die Tagesschau als Beispiel.

Die Ablehnung des Vorschlages war ebenfalls fast einhellig.

Ich gehe im Folgenden der Begründung der Ablehnung nach und versuche, das Argumentationsgerüst am Beispiel des Moskauer Korrespondenten des Deutschlandfunks, Björn Blaschke, zu rekonstruieren.

In einem Hörfunkbeitrag von etwas mehr als drei Minuten Länge informierte Blaschke in einem Nachrichtenformat über Putins Erklärung. Dieser Bericht wurde mehrfach gesendet, zuerst am 10. Mai 2026 um 13.14 Uhr im Deutschlandfunk. Die Überschrift der Sendung lautet: Russland: Putin sieht das Ende des Krieges kommen mit Schröder (letzter Abruf: 04.06.2026).

In dem Hörfunkbeitrag sind Blaschke zu hören, eine Übersetzung von Putins Rede und zum Teil im Hintergrund Putin selbst. Diese so genannten O-Töne sind in den Text Blaschkes integriert. Sie sind hier kursiv gesetzt:

"Die Pressekonferenz war eher eine Propagandashow unter Beteiligung williger russischer Medienschaffender. Kremlchef Putin stellte sich einmal mehr als Mann dar, der grundsätzlich immer zu Gesprächen bereit ist. Zum Beispiel mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. ,Ich schlage dieses Treffen nicht vor, sollte es jedoch jemand tun, so möge er bitte kommen. Wer sich treffen möchte, soll nach Moskau kommen. Ein Treffen in einem Drittstaat ist ebenfalls möglich. Jedoch nur unter der Voraussetzung, dass endgültige Einigungen über einen Friedensvertrag erzielt werden. Ein Vertrag, der auf eine langfristige historische Perspektive ausgerichtet sein sollte.‘

Ein Treffen mit Putin in Moskau hatte Selenskyj zuvor mehrfach abgelehnt, und ein langfristiger Friedensvertrag wird momentan unwahrscheinlich. Die Ukraine hat Russland in jüngerer Vergangenheit verschiedene Schläge verpasst. Die setzen Putin und seine Leute unter Druck. Selenskyj wird in dieser Situation wohl alles versuchen, das zu verstärken und umso vehementer Putins Forderungen zurückweisen. Denn, wenn Selenskyj beispielsweise, wie von Putin verlangt, ukrainische Staatsgebiete an Russland abtreten würde, würde er Verfassungsbruch begehen und wohl politischen Selbstmord. Trotzdem gab Putin vor, er meine, dass sich der Krieg dem Ende zuneige, dem Einfluss des Westens auf die Ukraine zum Trotz. ‚Sie versprachen Hilfe und begannen, Spannungen mit Russland zu schüren, die bis heute andauern. Ich glaube, die Dinge neigen sich dem Ende zu. Doch es bleibt eine ernste Angelegenheit.‘ Fragt sich, wie es dann in dieser Situation zum Ende des Krieges kommen soll. Putin selbst sagte, er sehe die Bemühungen der U.S.A. Frieden zwischen der Ukraine und Russland zu schaffen. Aber, er sei auch nicht abgeneigt, mit Europäern zu verhandeln. ‚Persönlich würde ich, wenn es darauf ankäme den ehemaligen Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, Herrn Schröder, vorziehen. Aber ganz allgemein gilt, lassen Sie die Europäer einen Anführer wählen, dem sie vertrauen, der aber nicht schlecht über uns gesprochen hat. Sie sind uns willkommen. Wir haben niemals nein zu Verhandlungen gesagt, niemals.‘

Altkanzler Gerhard Schröder als Vermittler? Der 82jährige Sozialdemokrat, von 1998 bis 2005 Kanzler, steht seit Jahren unter anderem wegen seiner Freundschaft zu Putin in der Kritik. Obendrein arbeitete er jahrelang für russische Öl- und Gaskonzerne. Zwar hat er Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine auch als völkerrechtswidrig bezeichnet, aber trotzdem wird es unwahrscheinlich, dass gerade Putins Freund Schröder als offizieller Vermittler benannt wird. Mit allem, was der Kremlchef nach der Siegesparade zum 9. Mai sagte, hat er wohl einmal mehr Nebelkerzen gezündet. Er gibt Gesprächsbereitschaft und Friedenswillen vor und handelt völlig anders. Davon will er wohl sein eigenes Volk, das zunehmend kriegsmüde ist, ablenken und auch U.S Präsident Donald Trump, den Putin nicht verprellen möchte."

Interpretation

Das Sendeformat ist eine Nachrichtensendung. Der erste Satz des Berichtes des Korrespondenten ist aber keine Information, sondern eine Meinung. Und er enthält eine Diffamierung russischer Journalisten. Wenn, wofür der O-Ton spricht, Blaschke und andere Journalisten aus dem Westen auch an der Pressekonferenz beteiligt waren, stellt sich auch mit Blick auf sie die Frage, ob sie "willig waren" – und wenn ja, wofür eigentlich? Aber beteiligt waren wohl alle nur dadurch, dass sie anwesend waren; Anwesenheit als Beteiligung zu bezeichnen, ist allgemeinhin unüblich.

Der Kreml ist zunächst der älteste Teil Moskaus und deren historischer Mittelpunkt. Es ist ein riesiges Gebäudekomplex und seit 1992 Amtssitz des Präsidenten der russischen Föderation. Putin ist nicht Kremlchef, auch wenn sich diese Bezeichnung in westlichen Medien eingebürgert hat, sondern offiziell Präsident der russischen Föderation – und damit nicht nur Russlands. Die russische Föderation ist ein Bundesstaat mit insgesamt 85 so genannten Föderationssubjekten, mit unterschiedlich stark ausgeprägten Möglichkeiten der Selbstbestimmung.

Die Bezeichnung "Kremlchef" ist eine Abwertung, die auch dadurch hervorsticht, dass alle anderen entsprechenden Personen korrekt bezeichnet werden, wie der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj und der US-Präsident Donald Trump. Auch die Formulierung "Putin und seine Leute" verweist nicht auf den Präsidenten eines Staates, sondern eher auf den Chef einer Bande.

Die Überschrift "Russland: Putin sieht das Ende des Krieges kommen mit Schröder" ist sprachlich etwas unverständlich. Vielleicht lag dies an dem Zeitdruck, unter dem der Journalist arbeitete. Möglich ist aber auch, dass der Titel nicht von dem Autor des Beitrages stammt, sondern aus der Redaktion des Deutschlandfunks. Im Vergleich zu anderen Überschriften, etwa der der Tagesschau - "Putin bringt Schröder als Vermittler ins Gespräch" - ist die Verirrung, die Blaschkes Überschrift schafft, fast sympathisch. Anders als die Überschrift der Tagesschau und die Überschriften fast aller anderen wichtigen deutschen Medien, stellt sie keine Randnotiz ins Zentrum. Die Formulierung der Tagesschau macht genau das, obwohl sie nichts Falsches behauptet, denn die Formulierung "ins Gespräch bringen" verweist indirekt auf das, was Putin noch gesagt hat: dass es nämlich auch andere sein könnten, mit denen er verhandeln würde. In Blaschkes Beitrag, aber auch in Beiträgen anderer Medien wird diese Tatsache schlicht übergangen oder gar unterschlagen. Dennoch ist auch die Überschrift der Tagesschau eine Nebelkerze; sie lenkt von dem ab, was wichtig ist: Putin schlägt, vermutlich zum ersten Mal, Gespräche mit Vertretern der europäischen Union vor. Da sich die EU-Staaten in den letzten Monaten immer wieder beschwert hatten, bei den Verhandlungen zwischen Russland und den U.S.A. nicht beteiligt worden zu sein und – vermutlich zu Recht – unterstellten, dass weder Putin noch Trump an einer europäischen Beteiligung interessiert waren. Damit wäre wohl die entscheidende Information: "Putin sucht ein Gespräch mit Europa". So formuliert, kommt aber zum einen die Frage auf, ob denn auch Europa zu Gesprächen bereit ist und zum anderen, wie sich der Gesinnungswandel der russischen Regierung erklären lässt. Die Hervorhebung von Gerhard Schröder in der Berichterstattung erlaubt es, die Frage nach dem Sinn von Gesprächen nicht zu behandeln, weil die Frage der Person, die da vermitteln kann oder soll, zur zentralen Aussage gemacht wird.

In der Nachricht von Blaschke existiert ein eklatanter Widerspruch zwischen der Behauptung, Putin wolle gar keine Gespräche, er stelle sich nur als gesprächsbereit dar, und einem der wenigen im Text erwähnten Fakten. Fakt ist, was Blaschke als "Schläge" bezeichnet: Aus unterschiedlichen Gründen gelingt es dem russischen Militär offenbar nicht, weitere Gebiete der östlichen Ukraine, auf die Russland einen Anspruch erhebt, zu erobern und muss offensichtlich an der Front Rückschläge verkraften. Die weitreichenden Raketen und Drohnen der Ukraine haben zudem einen ernsthaften Einfluss auf die russische Wirtschaft, die mit einer hohen Inflationsrate, hohen Zentralbankzinsen und einem Rückgang der Wirtschaftsleistung leidet. Blaschke verkürzt diesen Zusammenhang auf die – vermutlich zutreffende – Annahme, dass die russische Bevölkerung kriegsmüde ist. Würde man die hinter dieser Kriegsmüdigkeit liegenden Fakten erwähnen, so stellte sie die Frage, ob es nicht auch im russischen Interesse und im Interesse des russischen Präsidenten und der politischen und ökonomischen Elite Russlands liegen könnte, einen Ausweg aus dem Krieg zu suchen.

In Berichten über den Krieg der U.S.A. gegen den Iran, der für die amerikanische Regierung vermutlich ebenso aussichtslos erscheint, wie für die russische, findet sich genau diese Auslegung: In Bezug auf den amerikanischen Präsidenten wird davon ausgegangen, dass er befürchte, die nächsten Wahlen im November zu verlieren, er also gezwungen sei, auf die Meinung der amerikanischen Bevölkerung Rücksicht zu nehmen. In Berichten über Putin gibt es keine entsprechend eindeutigen Aussagen. Mit der Formulierung, Putin wolle sein Volk ablenken, wird einerseits unterstellt, dass er auf die Bevölkerung Rücksicht nehmen müsse; andererseits, dass er sie nicht ernst nehme. Dieser Widerspruch durchzieht die deutsche Medienberichterstattung: Denn auch wenn Putin als "Machthaber" definiert wird, wird unterstellt, dass er auf die russische Bevölkerung keine Rücksicht nehmen müsse. Zugleich: wäre das so, gerieten weder "Putin noch seine Leute" unter Druck, und sie müssten entsprechend auch niemanden ablenken.

Tatsächlich ist die Machtbefugnis des amerikanischen Präsidenten größer als die des Präsidenten der russischen Föderation. Beide regieren, weil sie an der Spitze unterschiedliche Machtansprüche ausbalancieren. Nun wird in den U.S.A alle vier Jahre gewählt und die Amtszeit des Präsidenten ist auf acht Jahre begrenzt. Putin ist nur mithilfe politischer Tricks seit vielen Jahren im Amt. Für die amerikanische Regierung lässt sich allerdings auch vermuten, dass es intensive Überlegungen gibt, damit – wenn auch nicht Trump selbst – der Trumpismus weiterhin regieren kann.

Blaschkes Begründung für die Weigerung der ukrainischen Regierung das von Russland besetzte Gebiet aufzugeben ist abenteuerlich. Selenskyj, so Blaschke, würde seine politische Karriere beenden, wenn er einem Verzicht auf einen Teil des ukrainischen Gebietes zustimmen würde. Übersetzt heißt dies – und das kann nicht ernst gemeint sein –, dass der Krieg in der Ukraine fortgeführt werden muss, damit die politische Karriere Selenskyjs nicht beschädigt wird. Auch die 1996 verabschiedete Verfassung lässt sich ändern. So geschehen 2004, 2011 und 2013.

Fazit

Ein bedeutender Redakteur eines meinungsstarken Senders fordert den ukrainischen Präsidenten mehr oder weniger direkt und öffentlich dazu auf, mit der russischen Regierung keine Verhandlungen aufzunehmen, sondern einen Krieg zu intensivieren, weil der jüngste Kriegsverlauf verspreche militärisch erfolgreich zu sein. Der als Beobachtung formulierte Satz "Selenskyj wird in dieser Situation wohl alles versuchen, das [die Schläge gegen Russland, GS] zu verstärken und umso vehementer Putins Forderungen zurückweisen" ist im Kontext des gesamten Beitrages keine Interpretation der Absichten des ukrainischen Präsidenten, sondern eher eine Art Empfehlung. Es ist möglich, dass diese Rechnung aufgeht. Die Aufforderung, den Krieg fortzusetzen und nicht auf das russische Gesprächsangebot einzugehen, wird rhetorisch verschleiert. Dafür werden logische Widersprüche in Kauf genommen. Keine Rolle spielt dabei das Leid der ukrainischen und russischen Menschen.

Nachtrag

Am 28. Mai haben sich die europäischen Regierungen schließlich geeinigt und die Außenbeauftrage Kallas konnte verkünden, dass man niemanden für ein Gespräch zwischen Europa und Russland benennen würde. Schließlich sei Putin nicht gesprächsbereit.

Gerold Scholz ist Professor für Erziehungswissenschaft/Grundschulpädagogik an der Goethe-Universität Frankfurt/M. (i.R.). Arbeitsgebiete: Kindheitsforschung, Theorie der Didaktik des Sachunterrichts.